Ich war für drei Wochen im Urlaub in dem Land, aus dem meine Eltern stammen, in der Türkei. Vor der Reise hatten mich die Debatten um die Integration in Deutschland so sehr beschäftigt, dass ich mir Gedanken machte, ob Deutschland tatsächlich meine Heimat ist. "Vielleicht fühle ich mich doch in der Türkei viel heimischer als das hier der Fall ist." dachte ich mir von Zeit zu Zeit. Ich habe in diesen drei Wochen an vielen Stellen gemerkt, dass ich mich in der Türkei sehr fremd fühle und dass ich wohl mehr Eigenschaften habe, die man als "deutsch" bezeichnen würde, als solche, die man mit der türkischen Lebensart in Verbindung brächte. Z.B. habe ich gemerkt, wie sehr der Spruch "Ordnung muss sein!" sich in meine Seele eingebrannt hat.
Auch während meines gesamten Türkeiaufenthaltes habe ich mir die deutschen Nachrichten nicht entgehen lassen und habe die zunehmende Islamfeindlichkeit in Deutschland, die mit der Rede des Bundespräsidenten aufs neue entfacht wurde, mit tiefstem bedauern wahrgenommen. Über die Rede an sich hatte ich mich sehr gefreut. Allerdings erweckten die darauf folgenden Reaktionen den Eindruck, als würde der Präsident selber in einer Parallelwelt leben und würde in seiner Ansicht zum Islam nicht die Gesellschaft Deutschlands rePräsentieren. Die Aussage der Bundeskanzlerin, dass es in Deutschland keine Scharia gibt, war vollkommen fehl am Platz. Wem dient es, etwas allgemein bekanntes von sich zu geben? Das erweckte doch den Eindruck, als hätte der Bundespräsident gesagt, dass die Scharia nun Teil Deutschlands sei. Was natürlich vollkommener Unfug ist. Nichts als Populismus!
Seehofers geistreicher Beitrag zum Thema Kulturkreise war dann das i Tüpfelchen. Da sieht man, dass Herr Seehofer keine Ahnung hat, über welche Gesellschaftsgruppen man spricht, wenn man von Integrationsprobleme in Deutschland redet. Es geht doch in erster Linie um die zweite und die dritte Generation der Immigranten, vor denen die Hobbysoziologen wie Sarrazin warnen. So kann man eine Diskussion verwässern, die von Anfang an vollkommen irreführend und verletzend geführt wurde.
Die neusten Studien zeigen, dass diese Debatten, die der Bundespräsident richtigerweise als notwendig bezeichnet hat, durch falsche Menschen mit den falschen Argumenten und in einer vollkommen unmenschlichen Art und Weise geführt wurden. Denn die Sarrazins und Seehofers haben nur dazubeigetragen, dass die Feindlichkeit gegenüber Muslimen und vor allem den türkischstämmigen Mitbürgern zugenommen hat. Die bunte Republik, die sich - so hoffe ich - viele so sehr wünschen, wird wieder zunehmend braun. Diese Menschen wollen nicht wahrhaben, dass der Islam inzwischen zu Deutschland gehört, wie das Anfang letzten Jahrhunderts in Bezug auf das Judentum der Fall war. Diese bedrückende Parallele hält hoffentlich nicht lange. Ich warte noch auf den erleichternden Augenblick, wo ich sagen kann, dass die Menschen tatsächlich aus früheren Fehlern gelernt haben. Ich hoffe auch, dass der Rechtsruck in ganz Europa verpufft, so dass Europa tatsächlich eine gemeinsame Zukunft hat und Vorbild für die gesamte Menschheit wird.
Links zum Thema
Der Sarrazin-Effekt: Deutschland wird islamfeindlich
Wuchernder Fremdenhass, ersehnte Diktatur
Seehofer bringt Ludergeruch übers Land